Kostenlose Girokonten werden Mangelware – warum eigentlich?

Januar 2nd, 2017 by geldanlage_de in Allgemein, Geldanlage, Girokonto

Girokonto ohne Kontoführungsgebühren

Ist ein kostenfreies Girokonto auch noch in Zukunft möglich? Quelle: Jacek Dudzinski – 370487549 / Shutterstock.com

„Kostenloses Girokonto eröffnen und sparen“ – diese Devise wurde bei der wachsenden Popularität des Internets vor ca. 10 Jahren auch den Bankkunden immer präsenter. Zahlreiche Direktbanken und später auch die Filialbanken stellten für bestimmte Kundengruppen oder gar für alle Kunden Girokonten zur Verfügung, die keine Kontoführungsgebühren beinhalteten. Doch aktuell ziehen mehr und mehr Banken diese Angebote zurück und berechnen wieder Kontoführungsgebühren. Doch warum ist das eigentlich so und was können Bankkunden tun? Es gibt durchaus Möglichkeiten!

Wer heute ein Girokonto eröffnen oder einen Kontowechsel durchführen möchte, kann auf zahlreiche Angebote vieler verschiedener Banken zurückgreifen. Kontoführungsgebühren sind dabei in den letzten Jahren so selten geworden, dass die Kostenfreiheit schon fast ein Standard-Leistungsmerkmal darstellte.

Doch nach Aussage der Banken ist dies schon bald vorbei, wie ein Bericht auf heute.de aus dem August 2016 zeigt. Demnach erhöht die Postbank zum 1. November die Hürden für ein neues Girokonto enorm und bietet es nur noch für Kunden kostenfrei an, die mindestens 3.000 Euro monatlich als Geldeingang aufweisen. Auch hat der Präsident des Deutschen Sparkassen- und Giroverbandes (DSGV), Georg Fahrenschon, bereits im März verkündet, dass die Zeit der kostenlosen Girokonten vorbei sei. Doch trotz dieser Ankündigungen haben Bankkunden auch heute noch viele Möglichkeiten, beim Girokonto zu sparen.

Niedrige Leitzinsen und Strafzinsen sind Hautpursachen für steigende Kontogebühren

Als Ursache für eventuelle Strafzinsen auf hohe Bankguthaben oder die Einführung von Kontoführungsgebühren nennen die Banken häufig die Zinspolitik der europäischen Zentralbank (EZB). Doch was steckt genau dahinter? Um diesen Zusammenhang genauer zu beleuchten, ist ein kurzer Einblick in das System der EZB wichtig. Dies lässt sich anhand des Schemas einer Kreditvergabe deutlich machen:

Auch Banken haben ein Girokonto

Jede zugelassene Bank in der EU hat ein Einlagenkonto bei der EZB, welches so ähnlich wie ein Girokonto funktioniert. Alle Geldreserven (außer Bargeld) der jeweiligen Bank werden auf diesem Konto als Guthaben geführt:

–       Kredite der EZB (kurzfristig zum Refinanzierungszinssatz)

–       Nicht anderweitig genutzte Kundeneinlagen (z.B. Guthaben auf Girokonten, Einlagen auf Tagesgeld- oder Festgeldkonten sowie Sparbüchern)

–       Mindestreserve nach Artikel 19 der EZB-Satzung (aktuell 1%)

Die EZB ist also quasi die Bank der Banken und kann dabei auch die Konditionen für die Führung des Einlagenkontos festlegen. Der größte Unterschied zu einem privaten Bankkunden besteht darin, dass die Bank ihre Bank nicht wechseln kann. Zur Festlegung der Konditionen bestimmt die EZB in regelmäßigen Sitzungen drei wichtige Zinssätze für die Banken:

Zinssatz

Erklärung

Aktueller Satz

Auswirkung

Haupt-refinanzierungs-satz

Dieser Zinssatz bestimmt die Zinsen, die Banken bei der Nutzung von EZB-Krediten aufbringen müssen.

0,00%

Banken können sich aktuell quasi kostenfrei Geld von der EZB leihen, um damit Finanzierungen und andere Finanzgeschäfte zu ermöglichen. Dies bringt tendenziell günstige Kreditzinsen für Endkunden.

Einlagensatz

Dieser Zinssatz legt die Verzinsung fest, die die Banken für überschüssige Einlagen auf ihrem EZB-Konto erhalten.

-0,40%

In der aktuellen Situation erhalten die Banken keine Zinsen für Einlagen bei der EZB, sondern müssen Strafzinsen zahlen.

Spitzen-refinanzierungs-satz

Dieser Zinssatz wird für Nachfinanzierungen fällig, falls der Saldo des EZB-Kontos einer Bank abends in Minus rutscht.

0,25%

Wenn eine Bank das EZB-Konto kurzfristig ausgleichen muss, kann es attraktiver sein, sich das Geld von einer anderen Bank zu leihen, die ja 0,4% Strafzinsen für Guthaben zahlen müsste.

Banken geben Strafzinsen quasi weiter

Da gerade Sparkassen mehr Kundeneinlagen aufweisen, als sie an Krediten an Kunden vergeben können, ergibt sich aktuell eine gewisse Kostenfalle. Jedes Guthaben auf einem Girokonto oder die Nutzung eines Tagesgeld- sowie Festgeldkontos sorgt dafür, dass die Einlagen der Bank auf dem EZB-Konto steigen. Findet diese also keine Möglichkeit, diese für Bankgeschäfte zu nutzen, werden Strafzinsen an die EZB fällig. Aus diesem Grund versuchen Banken mit entsprechenden Maßnahmen, eine solche Entwicklung zu verhindern oder abzumildern:

–       Zinssätze für Tagesgeld und Festgeld sind aktuell auf einem äußerst niedrigen Niveau.

–       Kosten für Guthaben auf einem Girokonto werden in Form von Kontoführungsgebühren an die Bankkunden weitergegeben.

Was können Bankkunden tun?

Natürlich herrscht auch weiterhin ein gewisser Wettbewerb zwischen den Banken. Auch wenn Girokonto-Einlagen aktuell nicht sonderlich attraktiv für die Banken erscheinen, kann ein Girokonto trotzdem sehr viel zur Kundenbindung beitragen. Darüber hinaus gibt es nach wie vor Direktbanken, die ein kostenfreies oder zumindest sehr günstiges Girokonto zur Verfügung stellen. „Ab jährlichen Kosten von 60 Euro, einschließlich Buchungen und Girocard, sollte man einen Bankwechsel prüfen“, so der Finanzexperte von kostenlosesgirokonto.de.

Achtung: Kostenlose Konten sind häufig an Bedingungen geknüpft!

Wer sich für ein kostenloses Girokonto interessiert, muss mittlerweile bei sehr vielen Banken spezielle Bedingungen erfüllen. Diese können je nach Bank sehr einfach oder auch sehr schwierig ausfallen:

–       Monatliche Gutschrift: Hierbei geht es lediglich darum, irgendeine Gutschrift im Monat vorweisen zu können. Somit ist dies eine sehr einfache Voraussetzung.

–       Mindestgeldeingang: Diese Bedingung schreibt vor, dass ein bestimmter Betrag pro Monat mindestens eingehen muss, um die Gebührenfreiheit nutzen zu können. Hier reicht die Spanne von 500 – 3.000 Euro pro Monat.

–       Gehaltskonto: Einigen Banken ist für die Gebührenfreiheit wichtig, dass der Kontoinhaber das Konto als Gehaltskonto nutzt. Es müssen also die monatlichen Einnahmen aus der Erwerbsarbeit auf das Konto eingezahlt werden.

–       Durchschnittliches Kontoguthaben: Bei dieser Bedingung geht es darum, dass langfristig ein gewisses durchschnittliches Guthaben auf dem Konto vorhanden ist. Liegt dieses länger unterhalb der festgelegten Grenze, fällt eine Kontoführungsgebühr an.

Es gibt jedoch nach wie vor auch Girokonten, die bedingungslos kostenfrei sind. Doch kommt es letztlich nicht nur auf die Gebührenfreiheit der Kontoführung an. Interessenten sollten alle Leistungsmerkmale checken und das Konto wählen, welches am besten zu den eigenen Wünschen und Bedürfnissen passt.

Fazit

In Zeiten niedriger Leitzinsen und Strafzinsen für Banken, die Guthaben bei der EZB parken, werden kostenlose Girokonten immer seltener. Die Banken geben die Strafzinsen für Guthaben somit in Form von Kontoführungsgebühren an die Kunden weiter. Da dies vor allem Banken mit deutlich mehr Kundeneinlagen als laufenden Finanzierungsverträgen gilt, dürften einige Banken auch in Zukunft kostenfreie Girokonten anbieten. Trotzdem sollten Bankkunden am Ende immer genau hinschauen, mit welchen Bedingungen die Gebührenfreiheit verknüpft ist.

Quelle: Jacek Dudzinski – 370487549 / Shutterstock.com

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